Gran Canaria - Beton, Berge, Wandern

Es ist schon ganz schön, an einem Wintermorgen aufzuwachen, die Sonne über Palmen aufgehen zu sehen und die aufkommende Wärme zu spüren. Das Gefühl haben wir leider nur mal jetzt im Urlaub. Vielleicht genießen wir es gerade deshalb so sehr. Nach dem gestrigen Auspacken nehmen wir jetzt alle Wandersachen und verstauen sie schon mal im Auto – da können sie dann die Woche über bleiben.

Beim Frühstück stellen wir fest, daß es einen Wintergarten gibt, der abends rauchfrei ist / sein sollte. Ein Dinnerproblem ist damit gelöst. Außerdem ist er wunderschön lichtdurchflutet – ein Genuß für ein Winterfrühstück. Wir finden auch alle für ein vernünftiges Frühstück notwendigen Bestandteile. Einschließlich der 4 Minuten Eier, die sich von den 6 Minuten Eiern durch das Schild unterscheiden. Die Spiegeleier werden in einer Kreisform fabriziert – eines wie das andere – leider aber dadurch für mich ungenießbar. Trotzdem – wir sind mehr als zufrieden.

Aber dann zieht es uns hinaus. Wir düsen mit unserem BCS Richtung Mogan los, fahren wieder zurück auf die GC1 und sind schnell an deren Ende angelangt. Wo uns ein formidabler Stau erwartet. Warum ein Autobahnende zusammen mit einer Einmündung der viel befahrenen Küstenstraße zusammen auf einen Ortsanfang gelegt wird, das wissen wohl nur die Verkehrsplaner. Jetzt könnten wir zum ersten Mal unser neues TV-Feature im BMW gebrauchen – aber der steht ja zuhause. Immerhin werden wir von einem Deutsch-sprachigen Sender über alles Relevante auf der Insel unterrichtet. Relevant? Naja, ziemlich subjektiv relevant halt. Während der kommenden Tage werden wir das immer wieder mal genießen – Kulturinformationen und Werbung für Bierkeller der bayerischen Art. Oder was auch immer sich die Kanaren oder Breißn unter bayerisch vorstellen.

Kaum haben wir also über eine halbe Stunde den Stau genossen, sind wir schon wirklich an der Süd-West Küste. Laut Beschreibung: Toll, beeindruckend, steil und hinter jeder Kuppe ein neuer Blick. Stimmt. Nur nicht so, wie gemeint. Die Barrancos (Täler) sind alle (!) zubetoniert. Teilweise von unten bis oben und weit ins Tal hinein. Schauderhaft. Grauenhaft. Unglaublich. Wüster als die alte Plattenbauweise im Ostblock oder Neuperlach. Der Gipfel des Grauens ist schließlich in Puerto Rico (‚reicher Hafen’) erreicht, vergleichbar nur einem kanzerösen, pervertierten Auswuchs eines krankhaften Hirns. Ich kann mir nicht vorstellen, daß irgendwer hier auch nur ansatzweise den Urlaub genießen kann. Derartig pervers kann man gar nicht sein! Bienenwabenmäßig hängen die Wohnsiedlungen der Anlagen als Betonhöhlen tausende Male repliziert an den Hängen. Alle identisch. Alle scheußlich. Aufgelockert wird das alles nur durch einige Pflanzen, deren Blütenpracht an diesem höllischen Ort so unangebracht erscheint, wie nur irgend möglich.

Gottseidank hat auch diese Küsten-Leidensfahrt für die Ästhetik irgendwann mal ein Ende. Wir erwarten in Puerto de Mogan eine andere Architektur, eine andere Art, einen Ferienort zu planen und zu bauen. Und werden auch nicht enttäuscht. Puerto de Mogan entpuppt sich wirklich als die Alternative: Nett gestaltete maximal zweistöckige Appartementhäuser, liebevoll angelegte Gärten, viel Grün, ein Ort, trotz Tourismus eher zum Wohlfühlen geeignet. Zwar sind auch hier die seeseitigen Restaurants nicht gerade erste Wahl; aber wegen der schönen Umgebung laden sie zu einer Rast ein. Conny genießt hier zum ersten Mal einen Papaya-Saft – frisch, echt und vorzüglich. Mein Espresso entpuppt sich als gefärbtes Wasser; mit zu Hause und der neuen Jura-Maschine nicht vergleichbar. Auch der Cappuccino ist nicht richtig italienisch – er würde nur mit Sahne serviert, wenn er denn überhaupt serviert werden würde. Also trägt auch eine schöne Umgebung nicht notwendigerweise zu verbessertem Service bei – nicht unbedingt eine neue Erkenntnis für uns.

Trotzdem – wir genießen die Schönheit der Pflanzen, der Umgebung, der Architektur und natürlich die Sonne, bevor wir uns auf den Weg ins Gebirge machen. Sollten wir jemals wieder in Gran Canaria Urlaub machen – Puerto de Mogan wäre sicher eine mögliche Wahl.

Das Barranco de Mogan ist ein hübsches Tal, reich an Vegetation und voller kleiner Dörfer. Überall am Wegesrand sind kleine Drachenbäume zu sehen – den hier fälligen Witz mit dem Hausdrachen erspare ich mir mal. Wir passieren den Weiler Molino de Volente – Windmühle – wo auch noch ein Exemplar davon, restauriert, die Hauptstraße ziert. Im Vorbeifahren fallen mir überdimensionierte Haushaltsgeräte auf – Wassertopf, Bügeleisen, etc. – alle mehr als zwei Meter hoch. Aber was ich zunächst als einen weiteren geschmacklosen Auswuchs des Tourismus ansehe, entpuppt sich anscheinend als lokale Kuriosität: Wir entdecken so nach und nach noch mehrere dieser Skulpturen, wie etwa eine äußerst hübsche und filigran gestaltete Nähmaschine.

Nach einem kleinen, ungeplanten Abstecher ins Zentrum von Mogan (bei der Größe dieses lokalen Kreisverwaltungssitzes gibt es eigentlich mathematisch gesehen sowieso nur das Zentrum) wird das Tal noch enger und am Ende ragt eine massive Wand auf, oben hübsch verziert durch eine Reihe von Bäumen, die sich besonders im Gegenlicht gegen das Azur-Blau des Himmels phantastisch ausmachen.

Während hier die Hauptstrecke Richtung Westen nach San Nicolas abbiegt, geht’s für uns direkt auf diese Wand zu, die auf enger werdender Piste in hübschen Serpentinen erklommen werden will. Und nach einiger Zeit trifft der Begriff Piste wirklich zu: die Asphaltdecke endet und damit beginnt der fahrerisch interessante Teil der Strecke zu den Pajonales, dem größten zusammenhängenden Waldgebiet der Insel auf der Höhe. Die Piste wird richtig steil, schlaglochübersät und eng, aber lange noch nicht wirklich jemenitisch. Trotzdem: Nichts für schwache Beifahrernerven... Dafür entschädigen die Blicke ins Barranco und, nach der Kuppe, auf die Gebirgsmassive des Zentrums. Zwar erwarte ich den Roque Nublo, das Wahrzeichen der Insel, einen schon den Ureinwohnern heiligen Felsen, der – laut Beschreibungen – von überall zu sehen sein soll. Vor uns aber haben ihn die Kanaren einfach versteckt.

Hier in den Pajonales wollen wir unsere erste Wanderung machen – am besten beginnend bei einem Stausee. So hatten wir geplant. Nun stellt sich aber der Stausee als kleiner Tümpel heraus, der nur zu einem Bruchteil mit Wasser gefüllt ist. Ein Zeichen für die Wasserknappheit der Insel, vor allem im Süden. Auf einem Parkplatz treffen wir auf ein deutsches Wander-Ehepaar, das uns den Tip gibt, unser Auto auf einem Parkplatz zwei Kilometer weiter vorne zu lassen, und von dort aus eine Rundwanderung zu beginnen.

Wir starten in einem Kiefernwald und erklimmen nach und nach eine Kammhöhe. Vor uns immer ein Bergmassiv – aber nicht der Roque Nublo. Der bleibt verschwunden. Unterwegs tun wir auch noch etwas für die zahlreich vorhandenen Steinmännchen, die den Weg markieren, und versehen einige mit Kiefernzapfen-Hüten, was ihnen einen ganz aparten Ausdruck verleiht.

Der Weg zurück ist dann weniger hübsch: Zwar geht es nach wie vor durch bewaldetes Gebiet mit vielen schönen Stellen, aber es ist einfach eine Schotterpiste, der wir folgen müssen. Und schließlich warten auch noch 3 km asphaltierte Straße, bis wir wieder bei unserem BCS gelandet sind.

Jetzt wollen wir’s aber wirklich wissen: Gibt’s den Roque Nublo oder gibt es ihn nicht. Wir düsen also weiter nach Ajacata – wo er eigentlich laut allen verfügbaren Karten doch ums Eck sein sollte - finden ihn aber immer noch nicht. Also – irgendwie wollen ihn die uns nicht zeigen.

So beschließen wir, nicht zuletzt auch wegen des zur Neige gehenden Tages, uns Richtung Süden in ein anderes Barranco abzusetzen, und so langsam den Heimweg anzutreten.

Zuvor entdecken wir aber noch ein kleines Lokal, das sich vor allem durch zwei durchweg krähende Hähne auszeichnet. Zumindest so lange, bis die Gäste auf der Terrasse Platz genommen haben. Die beiden scheinen uns irgendwie gut dressiert zu sein. Oder es ist einfach alles anders hier: Hähne krähen am Abend und Blumen blühen im Winter. Asterix: ‚Die spinnen, die Kanaren!’

Cappuccino wird wieder italienisch (aber spanisch interpretiert) also mit Sahne serviert – so werde ich belehrt. Alles andere sei kein echter, italienischer Cappuccino. Woww – wird schon stimmen, wenn man es derart deutlich manifestiert. Außerdem: Den Roque Nublo gäbe es; es sei der massive Berg da vor uns, aber er sei nicht so zu sehen, wie man ihn immer auf den Bildern sehen würde. Wie auch immer, für uns gibt es ihn einfach nicht.

Der Weg bergab – wir hatten ja schließlich eine Höhe von knapp 1600m erklommen - erschließt uns weitere Schönheiten des Inselinneren; irgendwo müssen wir auch den Pico de las Nieves passieren, den höchsten Berg der Insel. Gut getimet, aber völlig unabsichtlich, treffen wir gerade bei Sonnenuntergang auf einem Aussichtsplateau ein, das uns die volle Schönheit der untergehenden Sonne über dem Atlantik präsentiert. Und dank einer optischen Täuschung teilt sich die Sonne kurz vor dem Untergang in zwei ineinanderübergreifende Scheiben; den Effekt hatte ich bis dahin auch noch nicht gesehen.

Und dann hat uns die touristische Realität wieder: der deutsche Sender erklärt, wie man zum Freibier im Keller von einer Kneipe namens Wolpertinger käme, und vor allem, wie man die Kneipe überhaupt finden könne: Ganz einfach, im Einkaufszentrum von Playa del Ingles (oder sonst wo), da an irgendeinem Shop die Treppe runter, dann links und die zweite Tür rechts. Oder so ähnlich. In dieser Art sind dann fast alle Angebote, aber irgendwann stumpfen sogar wir ab.

Im Hotel gibt’s dann trotz großem Andrang sogar einen Parkplatz, ein Effekt, der sich übrigens an jedem Abend wiederholt. Auch wenn kein Platz frei ist – spätestens nach einer Runde um den Parkplatz fährt jemand raus und macht so wieder Platz für uns.

Abendessen ist dann wie schon üblich, nur diesmal im (fast) rauchfreien Wintergarten, und mit Conny’s frischem Fisch als Starter. Auch daran kann man sich gewöhnen. Und an die abschließende Crème Caramel.

Der Plan für morgen sieht vor, daß wir mit Playa de Güigüi den schönsten, unberührtesten, hawaiianischsten Strand der Insel erwandern. Scheint nicht so einfach zu sein, aber wir werden ja sehen.