Japan -
Fun vs Culture

Da war zunächst der ‚Fun- resp. Culture-Part': Nach einem Nachtflug aus Singapur habe ich mich mit Kollegen in Nara getroffen, einer ziemlich verschlafenen Stadt in der Nähe von Osaka bzw. Kyoto. Schon die Fahrt per Bus von Osaka Airport nach Nara zeigt mir das Land ziemlich ungeschminkt (wenigstens den Teil, den ich nicht verschlafen habe). Menschen wohnen auf engstem Raum zusammen; die Häuser sind meistens nicht nur schmucklos, sondern oft sogar häßlich und wenig gepflegt. Vielleicht bin ich auch besonders kritisch, weil ich unglaublich müde bin, zudem das Wetter so richtig saut - Regen, Regen, Regen und zur Abwechslung mal zwischendurch Nebel.

Nara selbst ist vor allem durch seine Parks und Tempel bekannt. Wir hatten uns am Tempel des ‚großen Buddha' verabredet, einem Ort, den man wirklich nicht verpassen kann. Die Statue ist absolut beeindruckend: ca. 25 m hoch, mußte mehrfach gegossen (im 15. Jahrhundert) werden, bis sie endlich stabil war. Zudem ist sie im weltweit größten Holzgebäude untergebracht; allein das schon ist eine Besichtigung wert. Und irgendwie hatte ich von einem Besuch vor vielen, vielen Jahren auch noch das Rotwild in Erinnerung, das überall in den Parks frei herumläuft und von den Besuchern gerne gefüttert wird. Klar daß im Nikon und Canon-Land die Viecherln alle neben mehr oder weniger (meist weniger) fotogenen Menschen auf chemische und neuerdings auch elektronische Art verewigt oder wenigstens verpixelt werden. Zwar entsprechen auf den ersten Blick mindestens 80% der Fotoshootings nicht dem geringsten Gefühl für Ästhetik- aber das merken ja die Kameras gottseidank nicht...

Nach geglückter Vereinigung mit der Gruppe machen wir uns auf den Weg nach Koya am Koyasan einer kleinen Stadt und dem Zentrum der japanischen Buddhisten - irgendwo südwestlich von Osaka auf einem Berg. Ich hatte spontan dem Angebot zugesagt, eine 'Erfahrungsnacht' in einem der dortigen Klöster zu verbringen. Schon die Anfahrt wird zur ersten Er'fahr'ung - da gibt es nicht einen durchgehenden Zug, sondern die Endstation liegt am Ende eines Tals, in das sich der letzte von mehreren Zügen hinaufschlängelt. Weiter geht's mit einer Standseilbahn, und dann noch mit dem Bus, bis schließlich das Klosterdomizil erreicht ist. Die ganze Anfahrt von Nara aus hat schon diverse Stunden gedauert - und dabei war 17:30 als fester Termin fürs Abendessen vorgesehen. Wir haben's dann doch geschafft und sogar das Wetter hat sich so weit gebessert, daß man auch ohne Schirm mal nicht bis auf die Haut durchnäßt wird.

Für uns fünf waren drei Zimmer reserviert - zwei Schlafräume (männlich, weiblich zu belegen) und ein Raum, in dem das Essen serviert wurde. Natürlich traditionell japanisch - mit vielen mir unbekannten Speisen, ausreichenden Sitzmöglichkeiten auf dem Boden und den damit einhergehenden eindeutigen Anmerkungen diverser Körperteile, die sonst immer unbemerkt ihren Dienst tun.

Vor dem obligatorischen Bad am Abend legen wir noch einen kleinen Verdauungsspaziergang ein - nach der langen Reise eine mehr als notwendige Bewegung. Dabei entdecken wir einen Friedhof - der in der einbrechenden Düsternis bedeutungsschwer in einem dichten Wald liegt. Schließlich entschließen wir uns, ihn noch aufzusuchen und sind total fasziniert: gerade in der Fast-Dunkelheit entwickelt er einen imposanten Eindruck von Bedeutungsschwere, Faszination, Fotogenialität. Er scheint unendlich lang zu sein, und die Grabmale sich sehr zu ähneln. Hunderte oder tausende von Leuchten sind wie Glühwürmchen am Weg aufgereiht, hellen zwar kaum auf, sind aber phantastisch reizvoll mit ihren marginalen Lichtkugeln. Die meisten Grabmale liegen unter einer massiven Gründecke, ähnlich wie in einem Regenwald, sind häufig total von Moos überwuchert.

Erst bei vollständigem Eintreten der Dunkelheit entschließen wir uns zur Rückkehr in unser buddhistisches Domizil, um dort japanisch zu baden, zu relaxen. Dieses Kulturgut - Baden weniger als Reinigung sondern mehr als Kommunikation - ist schön zu genießen. Wir drei Männer halten uns fast eine ganze Stunde dort auf und sind dann - vom heißen Wasser und dem langen Tag - angenehm müde, um sogar auf dem ebenerdigen Lager auf der Matte exzellent zu schlafen.

Der Sonntag beginnt mit einem buddhistischen Gebet. Für uns Europäer ist die Dauer-Sitzstellung auf dem Boden schon verdammt anstrengend, auch wenn ich schon von Anfang an auf Knie-Sitzung ausweiche. Immerhin stellen wir erleichtert fest, daß die kleine Gruppe von Japanern genauso leidet und einer der Herren kommt erst gar nicht mehr hoch ... da hat die Adaption westlicher Sitzkultur ihre Opfer gefunden. Die Zeremonie - in ihrer Schlichtheit für uns kaum verständlich - besteht ausschließlich aus einem pausenlosen Singsang. Nach einer halben Stunde endet sie mit der Verehrung und Verbeugung vor der Gottheit, der auch wir uns anschließen.

Anschließend geht es zu einem kleinen Tempel direkt außerhalb des Gebäudekomplexes und dort wird eine Feuerzeremonie durchgeführt. Sie ist sehr beeindruckend, insbesondere wie der kleine Holzstoß vom Priester sukzessive vor sich aufgebaut wird und dann mit einer Flamme bis zur Decke abbrennt. Ein rangniederer Priester schlägt während der gesamten Zeremonie den Gong, und ist gegen Ende erschöpft und schweißgebadet. Auch hier bleibt uns die Bedeutung der Zeremonie verborgen - die Kommunikation ist auf die wenige Worte Japanisch eines unserer Kollegen reduziert, was komplexere Gespräche einfach völlig unmöglich macht.

Nach dem sehr japanischen Frühstück machen wir einen erneuten Ausflug zum Friedhof. Mittlerweile haben wir nachgelesen, welch grundsätzliche Bedeutung er für die Buddhisten in Japan hat: Hier sollte man beerdigt werden, und wenn das nicht möglich ist, dann sollte wenigstens eine Haarlocke hier die letzte Ruhe finden. Bei meiner ‚Lockenpracht' müßte ich dann schon recht bald mal an ein Deposit denken, bevor es gar nicht mehr geht...
Auch tagsüber übt der Friedhof seinen ganz spezifischen Reiz aus, den wir schon am Abend zuvor bewundert hatten. Obwohl mancherorts der japanische Pragmatismus wieder mal in Erscheinung tritt. Etwa bei einem Grab, das von einem Fabrikanten für Ungeziefervertilgungsmittel finanziert wurde - in Form einer Ameise, symbolisch als Opfer für die durch Mittel des Werks getöteten Insekten. Oder einem raketenförmigen Grabmal - sieht aus wie aus Pappe hergestellt - von der Raumfahrtbehörde Japans finanziert. Oder dem abgrundtief häßlichen Nissan Grabmal - mit Originallenkrad und Kunststoff-Armaturenbrett. Alles gigantische Stilbrüche, aber in line mit meinen Erfahrungen über den ‚guten Geschmack' in Japan.

Natürlich gibt es auch ein Heiligtum zu besichtigen, besonders imponierend wegen der Tausenden von Lampions, die alle angezündet dort hängen. Eines der wenigen Fotografierverbote in der buddhistischen Welt verhindert die Mitnahme beeindruckender Erinnerungen.

Für uns aber bleibt eine Eigenheit völlig unverständlich - die Grabmale für Totgeburten und abgetriebene Föten. Abtreibung ist offenbar kein Tabuthema und muß wohl auch über Jahrhunderte praktiziert worden sein. Aber nirgendwo sonst - mit unserem Kenntnisstand - wurden dann die Föten beerdigt, die Gräber mit kleinen, steinernen Körpern geschmückt und gepflegt. An vielen dieser Gräber - wobei immer eine ganze Anzahl auf einem Platz konzentriert ist - liegen Schalen (aus Kunststoff!), die Spenden aufnehmen sollen. Wieder mal eine immense Demonstration von Kulturdifferenzen.

Nach dem Friedhof bleibt noch Zeit zur Besichtigung der zentralen Heiligtums der .............Sekte, einem schönen, gepflegtem und gut erhaltenen Tempel. Wir genießen den grünen Tee (im Eintrittspreis inbegriffen) bevor wir uns langsam daran machen, das Städtchen zu verlassen. Auf dem Weg zum Bus wollen wir aber noch die große Pagode besuchen - laut Führer ein weiteres Muß für diesen Teil Japans.

Jedenfalls ist diese Pagode dann der totale Schock für mich: Sie erscheint mir, wie aus Disneyland importiert - gigantisch und in grellen, aufdringlichen Farben inmitten alter, wunderschöner Holzbauten. Man stelle sich mal vor, das Schloß Neuschwanstein durch die Kopie aus Disneyland ersetzt zu sehen - dann kann man sich eine Vorstellung dieses eklatanten Geschmacksverbrechens machen. Schöne Fotos sind utopisch, nur mal dokumentarische. Soviel zur Intention der Bilder.

Ein Bus bringt uns dann zurück zur Bergstation der Standseilbahn. Und langsam verstehe ich das Bezahlsystem: Einstieg an der hinteren Tür; Ziehen eines Tickets, nur die Nummer der Haltestelle auf einem kleinen ‚Kassenzettel'. Während der Fahrt zeigt eine LED-Anzeige vorne im Bus den aktuellen Fahrpreis seit Fahrtbeginn an. Bleibt also nur, den beim Einstieg gezeigten Preis vom aktuellen zu subtrahieren und schon weiß man, was man zu bezahlen hat. Sofern man das exakte Kleingeld zur Hand hat. Ansonsten hilft den Langnasen schon mal der Fahrer.
Anschließend geht's wieder bergab - Standseilbahn - vorbei an den Verwüstungen eines der schlimmsten Stürme der letzten Jahre zum Bahnhof, wo wir schnellstmöglich in einen Zug steigen sollen, der nur auf uns gewartet habe. Also kein Proviant, keine Getränke, nur noch schnell Fahrkarten und dann Warten bis zur Abfahrt. Etwa 30 Minuten. So viel also zur Verständigung auf japanisch.

Kurz vor Osaka verlasse ich meine Kollegen; für mich ist die Weiterreise per Flug nach Tokio vorgesehen. Am Flughafen hatte ich mein Gepäck deponiert, und nach einer Relax-Pause in der ANA-Lounge grüßt bald schon Tokio.

Davor aber, im Sonnenuntergang und mit einem ‚Heiligenschein aus Wolken' verhangen, der Fujiyama, ein Traumblick in dem Licht.